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28.07.09
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IM DIENST WAS WAGEN
Dafür sind Chauffeure, Diebe und Spaniens Strände wunderbar geeignet, für diese Wochen, in denen nichts los ist, wo es weder Debatten um Steuersenkung gibt noch das Entsetzen über staatliche Steuerversenkung in Fantastrillionenhöhe. Wochen der Ödnis. Still und leise brüten die Bad Banks in der Sommerhitze auf ihren faulen Eiern aus Unwertpapieren, sachte summend machen die Good Banks inzwischen wieder Rendite. Manager stecken ihre Kreditkarten in die Tasche und machen sich auf nach Sylt oder zu den Seychellen. In Schleswig Holstein sagen manche, sie hätten das mit der ein oder andern Bonuszahlung nie so gemeint, aber nicht mal solche Geschichten bewegen im Moment besonders viele. Die Leute dösen lieber an Seeufern, grillen Fisch und dezimieren Sixpacks mit Bier. Hier und dort lungern daheim gebliebene Jugendliche in Stadtparks und Schwimmbädern herum, die in der Hitze sogar zu faul sind, um kriminell zu sein. Auf heißen Schrottplätzen krabbeln die Ameisen auf Stapeln und Stapeln von Abwrackprämienwracks umher.
Kurz, nichts passiert. Rein gar nichts.
Bis ein spanischer Dieb dem schlafenden Chauffeur einer deutschen Ministerin die Schlüssel zu deren Dienstwagen stiehlt. Man hätte sich zwar einen besseren Sommerskandal vorstellen können. Spannender als Ministerin Ulla S. verlor zum Beispiel vor ein paar Jahren der albanische Minister für Transport und öffentliche Ordnung seinen Dienstwagen. Spartak Poci war auf dem Weg zu seinem griechischen Amtskollegen Michalis Chrysohoidis, um über schärfere Grenzkontrollen und den Kampf gegen albanisch-griechischen Schmuggel zu verhandeln. An der Grenze kontrollierten griechische Zöllner den prächtigen, schwarzen Wagen des Spartak Poci. Da musste Poci aussteigen und den ganzen Mercedes S-350 auf Nimmerwiedersehen dort lassen. Er wurde beschlagnahmt, denn der Zoll hatte ihn als Diebesgut erkannt, bei Interpol registriert, und unlängst von Italien verkauft nach Albanien. Spartak Poci war aber nicht böse, denn die Griechen liehen ihm gleich galant eine von ihren Staatskarossen. Auch Leonid Breschnew sorgte für eine gute Dienstwagengeschicht. 1973 schenkte Willy Brandt dem Staatsbesuch einen nagelneuen Mercedes-Sportwagen. Kaum war er ein paar Meter gefahren, glitt der Wagen auf dem Petersberg in den Graben und seine Ölwanne schlug leck, ein spektakulärer Fall von Selbstsabotage des Kreml.
Also, es gibt schon schönere Geschichten, aber man nimmt, was man kriegt, die Kombination aus Urlaub, Süden und Autoklau kommt außerdem immer an. Erst recht, wenn man bedenkt, welche Geschichten hinter der Geschichte auftauchen können. War es vielleicht eine feurig, spanische Diebin und der Chauffeur hatte mit ihr was angefangen? Stecken die zwei unter einer Decke? Wurde der Wagen nach Nordafrika verkauft, an Islamisten oder aufständische Nomaden? Wer waren die Auftraggeber dieser Schandtat? Wer hat den spanischen Dieb bezahlt? Was erhalten die Hehler? Also - wir wissen einiges exklusiv, sagen das aber nur flüsternd weiter: Bezahlt wurde der Dieb vom Verband der deutschen Boulevardverleger. Dieser Spanier war sein Geld wirklich wert. Er soll den Wagen übrigens nach Albanien verkaufen, von da haben schon mehrere Ministerien angefragt, die dringend Skandale brauchen. Bei denen ist sowas nämlich cool.
Fetscher um 12:09 | Wahn, Wehmut, Wirklichkeit
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07.03.09
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Internationaler Tag der Frauen
Damenwahl in China
Zum Frauentag: Besuch beim letzten Matriarchat
8.3.2009 0:00 Uhr Caroline Fetscher
Morgens um sechs auf der Hauptstraße von Luoshui: „Es herrscht ein buntes Treiben. Die Männer verlassen eilig das Gemach der Geliebten, um dorthin zurückzukehren, wo sie hingehören: zu ihren Müttern.“ Staunend erlebt der westliche Beobachter, wie bei den Mosuo die patriarchale Welt Kopf steht. Niemand heiratet, die Erwachsenen lieben, wen immer sie gerade mögen. Mütter geben den Ton an, Väter spielen so gut wie keine Rolle, Töchter erscheinen kostbarer als Söhne und erben den Besitz, Söhne wie Töchter tragen den Nachnamen der Mutter.
Die Mosuo leben im Südwesten Chinas auf dem Grenzgebiet der Provinzen Yunnan und Sichuan im Hochgebirge. Die meisten der etwa 35 000 Frauen, Männer und Kinder siedeln am Ufer des LuguSees, einem der größten asiatischen Gebirgsgewässer. Sie fischen, handarbeiten, treiben Landwirtschaft, manche fahren Auto. Kinder, besonders Töchter, erhalten eine gute Schulbildung. Reichtum oder Prestige interessiert nicht sonderlich. Gelegentlich stoßen Ethnologen oder Touristen auf die Mosuo, wie jetzt auch der argentinische Arzt und Journalist Ricardo Coler, geboren 1956, der seinen Bericht „Das Paradies ist weiblich“ nennt. Bei den Mosuo sei man, schwärmt er, „im Reich der Frauen“. Wie paradiesisch es wirklich zugeht, lässt sich nicht genau ermessen, Coler schreibt auch nicht als Wissenschaftler, sondern unterhaltsam, erzählerisch. Eins wird allerdings klar: Die Mosuo sind sehr relaxed.
Sie selber glauben, das kommt daher, dass keiner von ihnen heiratet; Sex und Liebe sind jedoch nicht verpönt. Das Verwandtschaftssystem folgt der Mutterlinie (matrilinear) und orientiert sich am Wohnort der Mutter (matrilokal). Grollen, Brüllen, Schlagen kennen sie nicht. „Aggressives Verhalten innerhalb und außerhalb der Familie“, bemerkt Coler, „wird als entehrend empfunden. Gewalt in all ihren Ausprägungen stößt auf Ablehnung.“
Da Liebe und Sexualität meist nicht von lebenslanger Dauer sind, sagen sie bei den Mosuo, sei es schöner, klüger und gesünder, sich auf „Besuchsehen“ einzulassen. Den Raum dazu bietet das Blumenzimmer der Dame, die sich bei Flirt und Tanz einen Mann wählt, der zustimmt – für eine Nacht, ein paar Wochen oder auch Jahre. Für Hippiefantasien ist das Ganze jedoch zu rituell – der Auserwählte stellt sich der Matriarchin vor, die ihm den Umgang mit der Tochter, Schwester oder Nichte gewährt. Große Enttäuschung für Radikalfeministinnen: Küche und Haushalt sind Frauensache. Sie seien darin „schneller und besser“, lachen die Frauen, die wiederum bei großen Anschaffungen die Männer entscheiden lassen.
Ihren Lohn liefern die Männer, wenn sie überhaupt arbeiten, bei der Matriarchin ab. Viele spielen den lieben langen Tag Karten, plaudern und albern zärtlich mit den Kindern, ob es nun ihre eigenen sind oder nicht. Maos Ideologie passten die Mosuo nicht, man versuchte, sie zu Ehen zu zwingen, aber die Umerziehung misslang. Heute genießen sie einen gewissen Minderheitenschutz und Privilegien wie die Erlaubnis, bis zu drei Kinder zu bekommen. Die Lehre von Colers Buch: Jeder Handgriff, jeder Buchstabe, jede soziale Regel ist eine Erfindung der jeweiligen Gesellschaft. Alles kann auch ganz anders sein. Caroline Fetscher
Ricardo Coler: Das Paradies ist weiblich. Eine faszinierende Reise ins Matriarchat. Kiepenheuer Aufbau Verlagsgruppe, Berlin, 2009. 164 Seiten, Farbfotos, 19,95 €
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 08.03.2009)
URL: http://www.tagesspiegel.de/kultur/art772,2746495
Fetscher um 21:26 | Human Rights Global
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08.12.08
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Die Würde des Kindes ist unantastbar
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte wird 60 Jahre alt. Ihre Einhaltung ist auch bei uns noch keine Selbstverständlichkeit
Vor drei Tagen liefen im Südwesten Kenias etwa dreihundert Mädchen von zu Hause fort, die Jüngsten unter ihnen neun Jahre alt. Sie rannten über staubige Straßen und suchten – manche ermutigt von den eigenen Eltern – Zuflucht in Kirchenhäusern und bei Frauenorganisationen. Den Mädchen „drohte das Messer“, wie es heißt. Nach einer alten Tradition sollten sie sich einem Ritual unterziehen, bei dem die Genitalien systematisch verstümmelt werden (oft von nahen Angehörigen wie Müttern und Großmüttern), damit die Mädchen nicht „unrein“ bleiben. Auch wenn der Preis der Zwangsbeschneidung hoch ist, wenn einige Kinder verbluten oder an einer Sepsis verenden, das Ritual hält sich hartnäckig. Millionen Mädchen vom Nordirak über Ägypten bis Südafrika haben „das Messer gesehen“. Mehr als 130 Millionen Frauen auf der Welt leben mit den Folgen. Staatliche und nichtstaatliche Kampagnen gegen die inzwischen mehr und mehr gesetzlich verbotene Praxis fangen erst sehr allmählich an zu greifen.
Diesen Mädchen, die unter Schock und Scham versuchten, ihre Integrität als weibliche Wesen zu retten, schenkte die Weltöffentlichkeit ein paar Zeitungszeilen. In derselben Woche, in der sie in ihrer kenianischen Provinz vor den Messern flüchteten, suchten Indiens Polizisten und Geheimdienstler nach den Attentätern von Bombay, in Thailand protestierten Tausende gegen die Korruption der Regierenden, im Kongo darbten Bürgerkriegsflüchtlinge, vor Somalias Küste hatten Piraten einen gekaperten Öltanker in ihrer Gewalt, in Nigeria zogen religiöse Fanatiker gegeneinander los und verursachten mitten im Frieden ein Massaker. Neben alledem drängten kriselnde Banken und erschütterte Börsen in den Vordergrund. Mit den vielen Schreckensmeldungen aus anderen Flecken des Erdenrunds konnte die Nachricht der Mädchen in Kenia schwerlich konkurrieren.
Menschenrechte waren zunächst Männerrechte, dehnten sich allmählich auf das andere Geschlecht aus und erfassen erst heute, mit zögerlichen, kleinen Schritten, auch die „Zwergenpopulation“ des Planeten, die Kinderbevölkerung. Nur 23 von 192 Staaten haben das Recht von Kindern auf gewaltfreie Erziehung ins Gesetz aufgenommen. In Deutschland geschehen im Dezember vor acht Jahren. Mit Leichtigkeit springen spektakuläre Fälle von Kühlschrankbabys und Kinderschändern in die Schlagzeilen. Zäh wehren sich hingegen Politik und Medien auch in Deutschland gegen die Aufnahme von Kinderrechten in die Verfassung. Menschen- als Männerrechte sind jung. Frauenrechte noch jünger. Kinderrechte kommen eben erst zur Welt. Und doch tun wir so, als seien Menschenrechte eine nachgerade langweilige, tautologische Selbstverständlichkeit. Aber sie verstehen sich gerade nicht von selbst.
Wo sie nicht massenhaft evident und eklatant öffentlich werden, sind Menschenrechtsverletzungen ein eher unliebsames Thema, wie die Menschenrechte selbst gern als Terrain der „Gutmenschen“ abgehandelt, wo nicht abgetan werden: Da reden, berichten welche von Verhältnissen, die natürlich schlimm sind, aber man weiß ja sowieso, dass die Sprecher auf der richtigen Seite sind. Öde! Menschenrecht: Paradoxerweise lässt ja der Begriff allein schon nichts Gutes ahnen, weder Menschlichkeit noch Recht.
Wo von Menschenrechten die Rede ist, da ist es meist ein Katzensprung zum Entsetzen. Hört man das Wort, tauchen vor dem inneren Auge sofort negative Szenarien von Angst, Bedrohung, Flucht und Kerkern auf. Mit dem Dilemma dieser Bildproduktion haben es die Verfechter der Menschenrechte zu tun, deren Broschüren und Informationsmaterial sich einer ikonografisch eingeschränkten, visuellen Ästhetik bedienen. Auf Abbildungen finden sich Gitterstäbe, Stacheldraht und karge Haftzellen, ernste oder lachende Kinder in ärmlicher Umgebung, zerfurchte Greisengesichter, ins Leere greifende Hände oder, zur Not, abstrakte Symbole. Oft werden so, zwischen Opferkitsch oder forciertem Optimismus, vor allem ambivalente Emotionen geweckt, Abscheu, Verstörung und Widerwillen ebenso evoziert wie Empörung und Voyeurismus. Auch dieser Cocktail, der in sich ein Symptom für die ethische Unreife der globalen Gesellschaft ist, trägt dazu bei, dass Menschenrechte keine etablierten Fernsehformate auf den Plan gerufen haben, keine regelmäßigen Sonderseiten in den Gazetten, keinen Einzug in die Pflichtcurricula aller Schulen.
Was mit solcher Selbstverständlichkeit abgetan werden darf oder konsumiert zu werden scheint, das ist in Wahrheit in seiner Dynamik und Tragweite kaum bekannt. Über den konkreten Kern, den umwälzenden Inhalt und Charakter der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die vor sechzig Jahren, am 10. Dezember 1948, als Resolution 217 A (III) der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet wurde, sind allerdings die wenigsten Erdenbürger, auch in den westlichen Demokratien, tatsächlich aufgeklärt. So offenbarte eine Studie der Universität Marburg und des Deutschen Instituts für Menschenrechte im Dezember vor vier Jahren, dass Deutschlands Bevölkerung eine nur vage Vorstellung von den universellen Rechten der Menschen besitzt. 20 Prozent der Befragten hatten noch nie von der UN-Erklärung gehört, die Mehrheit erkannte gerade etwa sechs von 18 der aufgeführten Menschenrechte.
Dabei ist Resolution 217 A (III), angenommen mit 48 Stimmen, ohne Gegenstimme und mit acht Enthaltungen, unterzeichnet im Palais de Chaillot in Paris, eine historische Sensation. Sie ist der global erstaunlichste, revolutionärste soziale und politische Text, auf den sich eine große Gruppe von Zeitgenossen jemals geeinigt hat. Unter dem Eindruck des ungeheuerlichsten Zivilisationsbruchs, der Schoah, schickte man sich 1948 an, mit säkularem Pathos ein neues Zeitalter festzuschreiben. Eine globalgesellschaftlich verbindliche Grundlage aus Verantwortung und Respekt für jedes einzelne Individuum sollte in einen universell geltenden Rechtsrahmen gefasst werden, unter dessen Geltungsanspruch diese Menschenrechte noch über den Bürgerrechten, über den Verfassungen einzelner Staaten rangieren. Voraussetzung für diesen Akt war die Anerkennung eines Konzepts, dessen Genese zwar metaphysisch konnotiert ist, das die Erklärung jedoch ausdrücklich säkular, fern von Religion und Glauben, auslegt. In Artikel 1 rangiert der Begriff dafür noch vor der Erwähnung der Rechte: die Menschenwürde. „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“
Frühe Ansätze des Konzepts von Menschenrecht und Menschenwürde entwickelten sich im Humanismus und in der Epoche der Aufklärung, zentral war der Gedanke, dass sich aus dem Naturrecht oder der Vernunft grundlegende, subjektive Rechte von Individuen ableiten lassen. Allein weil der Mensch ein Mensch ist, ist er a priori, ohne notwendige Letztbegründung, mit Rechten ausgestattet. Für die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte sind sie unveräußerlich und unteilbar, sind über den Eintrag in die Verfassungen einklagbar und gelten überall, wie Artikel 2 besagt: „Jeder hat Anspruch auf alle in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand. Des weiteren darf kein Unterschied gemacht werden auf Grund der politischen, rechtlichen oder internationalen Stellung des Landes oder Gebietes, dem eine Person angehört, gleichgültig ob dieses unabhängig ist, unter Treuhandschaft steht, keine Selbstregierung besitzt oder sonst in seiner Souveränität eingeschränkt ist.“
Jahrhundertelang, Jahrtausendelang wäre ein solcher Text als pure Ketzerei oder lachhafte Anmaßung eingestampft, seine Verfasser verfolgt worden. Fixierte Herrschaftshierarchien im Innern von Clans und Fürstentümern, die mindere Wertigkeit von Frauen gegenüber Männern, Fremden gegenüber eigenen Leuten waren unhinterfragte Selbstverständlichkeiten. Warum soll mich das Los eines anderen interessieren, der mir weder Nutzen noch Vorteil bringt? Allenfalls lässt sich erwägen, ob ich bei Gott, den Ahnen oder Allah einen Stein im Brett habe, wenn ich Almosen an die Armen verteile. Auch dann ist aber der andere Mittel zum Zweck. Von einem aus dieser Sicht grotesken Phänomen einer „Fernstenliebe“ erfuhr die Welt erstmals durch eine Kampagne britischer Bürger gegen den Sklavenhandel, die der Historiker Adam Hochschild erforscht hat. Er schreibt: „Jede Epoche der Geschichte verzeichnet Aufstände von Unterdrückten, aber die englische Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei war die erste dauerhafte Massenkampagne jemals, in der es um andere ging. Manche Briten handelten sogar gegen ihre eigenen Interessen. In Sheffield, berühmt für seine Werkzeugmacher, die Scheren, Sicheln, Messer, Rasierklingen herstellten, unterzeichneten 769 Metallhandwerker im Jahr 1789 eine Petition an das Parlament. Ihre Waren wurden an Kapitäne verkauft, die sie als Währung beim Ankauf von Sklaven verwendeten: ,Wir, die Unterzeichner, betrachten den Fall der afrikanischen Menschen als unseren eigenen.‘ Mit ungläubigem Entsetzen schrieb Stephen Fuller, Londoner Agent für die Pflanzer auf Jamaika und eifriger Vertreter der Sklaverei, dass die Petitionen, mit denen das Parlament überflutet wurde, von keinerlei Schaden oder dergleichen auf Seiten der Unterzeichner sprechen.“ Der Historiker konstatiert: „Er war zu Recht überrascht. Das war neu in der Geschichte der Menschheit.“
Und es ist noch immer vergleichsweise neu. Auch noch im Land der Verursacher des Holocaust, jenem Land, das – ex negativo – für die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte gesorgt hat. Gewalttätige Erziehungsstile von Eltern gegen Kinder werden trotz eindeutiger Gesetzeslage als soziale Entgleisung betrachtet. Doch die Toleranz gegenüber deutschen wie migrantischen erwachsenen Tätern, die Kinder physisch und psychisch attackieren, ist ein Hauptgrund für die wachsende Gewalt an Schulen und auf der Straße, das Menschenrecht der Kinder wird noch immer nicht überall als kostbares Rechtsgut verhandelt. Oder: Eine Richterin, erstklassig ausgebildet, urteilte unlängst in Deutschland über die hier lebende Ehefrau eines Marokkaners, die sich nicht von ihrem Mann misshandeln lassen wollte, diese habe das hinzunehmen – sie habe schließlich gewusst, aus welcher Kultur der Mann stammt. Immerhin wurde die Richterin dienstrechtlich gerügt. Zum Jahrestag der Menschenrechte pocht Kanzlerin Angela Merkel darauf, dass diese Maßstab der Außenpolitik seien, Entwicklungshilfe an sie gebunden werden müsste. Ein Anfang wäre es, im Ausland nur noch Schulprojekte zu unterstützen, bei denen gewaltfreie Erziehung garantiert wird – dies ist bisher fast nirgends der Fall.
Nicht nur Gerichtssaal, Jugendamt oder Stammtisch haben Probleme mit dem Verständnis von Menschenrechten, auch in der Philosophie wird der Begriff der Menschenwürde zur Debatte gestellt, wie Heiner Bielefeldt, Direktor des Deutschen Instituts für Menschenrechte in einer vor wenigen Tagen erschienen Streitschrift beklagt. Der Begriff Menschenwürde, erfährt Bielefeldt bei den aktuellen Philosophen, sei eine metajuristische Pathosformel, eine Gefahr für die Liberalität der Gesellschaft, könne zum Vehikel von Partikular interessen werden, sei ein unzumutbares, zivilreligiöses Bekenntnis und führe zu autoritärer Moralisierung. Solche Urteile, die sich selbst auf der Höhe der Zeit ansiedeln, leugnen aktiv den Achtungsanspruch im Menschenrecht, den Bielefeldt als „Quelle normativer Verbindlichkeiten überhaupt“ erkennt. Sie befinden sich nicht auf der Höhe der Zeit, sondern in der Höhle der Vergangenheit. Nur haben sie keine vormoralische Axt dabei, sondern ein postmoralisches Skalpell. Sieht man genauer hin, blitzt da ein Messer auf, ähnlich bedrohlich wie das, vor dem die Mädchen in Kenia geflüchtet sind. Noch hier, in diesem Auszug aus dem anspruchsvollsten Diskurs der Gegenwart, ist es zu merken: Die Menschenrechte sind neu in der Geschichte der Menschheit. Neuer, als wir wahrhaben wollen.
Fetscher um 16:34 | Human Rights Global
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20.10.08
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Bildungsgipfel. Halt so.
Halt! Eine Ahnung.
Warum wir Sachen sagen wie „halt so“ – oder: Wie unscheinbare Symptome der Alltagssprache viel über unsere Gegenwart aussagen.
Die Lehrerinnen und Lehrer sind zu bewundern, finde ich, und zwar derzeit besonders aus einem Grund. Wie ertragen sie es, tausende von Malen in der Woche, das Wörtchen „halt“ aus jugendlichem Mund zu hören? Ohne „halt“ oder „halt so“ oder „halt einfach so“ mag kaum ein Jugendlicher jetzt noch einen Satz bilden. Ganz gleich ob bei Sven, ob bei Hassan, „halt“ kolonisiert bundesweit das Sprechen der Kinder. „Wir sind dann halt da so rüber, haben wir halt Fußball und so gespielt, keine Ahnung, und dann war ´s halt schon spät.“ In diesem Duktus berichten sie über alles. Flirts: „Ich hab ihr halt ne SMS geschickt, dass ich sie halt gern sehn will.“ Partys: „Da war halt voll was los.“ Computerspiele: „Erst musst du halt so ´n Monster besiegen und dann halt so durch das Labyrinth durch, so halt...“ Pizzaessen: „Meine war halt schon fast kalt.“ Oder Omabesuche: „Ich saß dann halt aufm Sofa, so halt.“ Nichts geht ohne „halt“, nicht mal Chatten im Netz, etwa wenn es um Vokabeltraining geht. Originalzitat, aus dem Netz gefischt: „naja, schreiben ist halt scheiße wenn man so 200 vokabeln hat. Also nicht dass ich die jetzt alle so lernen müsste aber halt wiederholung.“
Ja: Es kommt auch vor in Formulierungen wie „eben halt“, oder „irgendwie halt“ oder „halt echt“ oder „so halt“. Gleichwohl, der Hauptakteur der gesprochenen Jugendsprache ist und bleibt halt das „halt“, an sich und für sich.
Keine Ahnung.
Womöglich blenden Lehrerinnen und Lehrer dieses zum Wahnsinn treibende, inflationäre h-Wort beim Zuhören einfach aus. Sonst würden ja sie jedes Mal zusammenzucken, wenn diese Vokabel auftaucht oder sie müssten pausenlos fragen: „Warum verwendest du dieses Wörtchen ´halt´, mein Kind? Was bedeutet das denn in deinem Satz? Was willst du damit sagen?“ Vielleicht weiß es halt der Lehrer selber nicht, weil er das „halt“ auch verwendet? Zusätzlich flechten die jungen Menschen in ihre „halt“-geprägten Sätze gerne die renitent bis leer klingende Aussage „keine Ahnung“ ein, wo immer sie passt oder nicht passt, außerdem das als ökonomische Verknappung des „irgendwie“ funktionierende „so“. Halt so. „Ich war dann halt, keine Ahnung, mit Ivonne und Ahmet auf der Straße, keine Ahnung, und wir sind da halt so abgehangen, keine Ahnung, bis es dann so halt Abend wurde, keine Ahnung.“
Warum?
Liebe Kinder! Eure bewundernswerten Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, Eure Mütter und Väter haben leider meist weder die Zeit noch Nerven, sich mit Eurer haltlosen oder gehaltlosen Sprechweise eingehender zu befassen. Sie müssen halt erstmal darauf achten, dass in Euren Sätzen überhaupt Subjekt, Prädikat und Objekt an einem sinnvollen Ort sitzen.
Mit kleinen grammatischen Teilchen wie dieser Modalpartikel „halt“ können sie sich einfach nicht andauernd befassen. Daher haben wir uns darangemacht, Euch Euer „halt“ wenigstens ein bisschen näher zu erklären. Grammatisch gesehen ist es eine Modalpartikel. Ja, „halt“ gilt sogar als der Prototyp von Modalpartikeln. Hättet Ihr das geahnt? Nee, (diesmal voll echt) keine Ahnung. Ich musste auch erst eine Weile danach suchen, was das eigentlich ist. Was nämlich ziemlich einfach klingt, das ist halt im Detail krass kompliziert.
Das „halt“ als Prototyp der Modalpartikel illustriert, kann man von Sprachexperten erfahren, das „distributionelle Grundmuster“ von Modalpartikeln, die allesamt gemeinsam haben, dass sie unflektierbar, unbetont, sogar unbetonbar sind. Als fakultative Elemente eines Satzes nicht erfragbar, halten sie sich halt meist im Mittelfeld des Satzbaus auf, wo sie beliebig herumgeistern können. Erstaunlich aktiv illustrieren und modifizieren Modalpartikel dennoch den jeweiligen Illokutionstyp und sind vielfach kombinierbar.
In einer akademischen Untersuchung haben Linguisten 27 Stunden Tonbänder gesprochenes Deutsch von Jugendlichen ausgewertet. Dazu haben sie Radiosendungen verwendet, auch Talk-in-Sendungen wie „Domian“, und dort haben sie das Wort „halt“ innerhalb dieser Stunden insgesamt 307-mal gezählt. Das ist viel, kommt einem jedoch beinahe wenig vor, meine ich halt. Es entspricht einem Zehntel der Quote, die die gefühlte Frequenz von „halt“ für viele meiner Bekannten und mich selber hat.
Grammatikexperten erklären zum „halt“ des Weiteren Folgendes: Das Wort verweist auf etwas Vorgegebenes („ist halt so“) und auf einen pragmatischen Prätext. Es modalisiert Äußerungen und (jetzt aufgepasst): Es codiert die Einstellung des Sprechers zur Äußerung und deren Kontext, wobei es die Plausibilität einer Äußerung markiert. „So ist das halt.“ Das bedeutet: Was ich da sage ist plausibel, daran kann man nichts ändern, das muss man nicht befragen, hinterfragen, bewerten, einordnen, genau wissen, kennen, bewusst gesagt, getan haben. „Das war halt so.“ Ein bisschen erinnert das daran, wie die Banker und Manager sich jetzt, retrospektiv, auf die Ereignisse der vergangenen Wochen und Monate beziehen: „Das kam dann halt so mit den geplatzten Wechseln, den faulen Krediten, den mangelnden Eigenkapitalanlagen, das war dann auf einmal halt so.“ Vor allem erinnern mich das „halt“ und „halt so“ an die kleine Lotta aus Astrid Lindgrens „Wir Kinder aus der Krachmacherstraße“, die, mit etwa drei, vier Jahren, und noch weitaus prä-grammatischer als die heute Nutzerpopulation von „halt“, zu sagen pflegte“: „Das kommte bloß so!“ Mensch, klingt das entzückend. Jedenfalls, wenn man so etwa drei oder vier Jahre alt ist.
Ganz wichtig, so sagen Jugendliche und deren professionelle, linguistische Beobachter, ist beim „halt“ das Moment der vorgespiegelten Coolness. „Halt“ gehört zum Alltags-Fake. Es ist zwar nicht wirklich in der Essenz cool, aber genau das gerät beim „halt“ oft vollkommen aus dem Blick, und darauf spekuliert der „halt“-Nutzer. Ausformuliert würde „halt“ allerdings in etwa so lauten: „Naja, es geht mich im Grunde nichts an, was ich da so mache, erlebe, sage, und ich will auch, dass die anderen denken, dass es mir eh fast total egal ist, und auch, dass es mir egal ist, was die so darüber denken, und außerdem, ich könnte sowieso irgendwie immer was andres machen, als das, was ich da gemacht und gesagt habe. Ob Andere das verstehen, was ich mache, und ob ich selber das verstehe, das ist auch irgendwie nicht wirklich relevant.“ Es kommte bloß so.
Es ist nicht wirklich!
Mit anderen Worten, es handelt sich beim gehaltlos wirken sollenden „halt“ um ein anrührend selbstverblödendes Wort, das nicht nur unflektiert bleibt, sondern unbedingt unreflektiert bleiben will, so sehr, dass auch der Angesprochene, der Andere, den Zusammenhang auf keinen Fall aktiv reflektieren kann und soll. Mit „halt“ und „halt so“ wollen Sprechende mitten im Satz das verwischen, wovon ihre Rede handelt oder handeln könnte, manchmal sogar die Tatsache, dass sie überhaupt etwas sagen oder sagen wollen.
„Halt“ ist ein Versteckwort, ein ganz mutloses. Wir verstecken uns und das, was wir sagen wollen, hinter dem Wörtchen „halt“ und dessen modalen Verwandten.
Darum klingt „halt“ meistens nach einer latenten Rechtfertigung, es kommt daher, wie eine lasche Entschuldigung dafür, dass man etwas „halt einfach so“ getan hat, dass man wirklich und wahrhaftig nichts dafür kann, was da war, dass man gar nicht weiß – „keine Ahnung“ – wo und mit wem man was unternommen hat, dass man vor allem keinerlei Verantwortung dafür hat. Dass man das gar nicht selber war – am besten. Wer aber dann? „Keine Ahnung.“
Liebe Lehrerinnen und Lehrer, Hut ab vor Ihrem Aushalten des „halt“! Denn das dauernde, dauernde „halt“ könnte einen ja durchaus zum Weinen und Verzweifeln bringen.
Gut. Wir alle wissen auch, das „halt“ ist halt eines der Anzeichen für Unsicherheit und intellektuelle Ohnmacht von Jugendlichen, es ist Teil einer pubertären, unbewussten Semantik-Verweigerung, deren seelische Kehrseite in populären Maximalvokabeln wie „total“, „voll“, „krass“ „absolut“ oder „mega“ steckt. Einerseits war etwas „voll krass“ und andererseits war es „halt eben so“. In einem Satz, den es bei Euch auch öfter mal gibt, heißt das dann: „Das war eben halt voll krass“. Aber beides, ja, beides, die angeberischen Maximalvokabeln wie die verhuschten Versteckvokabeln, signalisieren dasselbe: Da will jemand, der oder die spricht, nicht wirklich der oder die sein, der oder die spricht.
Und das ist schade. Auch wenn es Euch vielleicht ein bisschen Schutz zu geben scheint. Das Gegenteil ist aber der Fall. Denn Kinder, ein gutes Gehalt oder bessere Erkenntnis, Noten, Einsicht kann man halt so nicht auf Dauer erreichen. „Ich hab dann halt nicht nachgedacht.“ So geht es nicht. Vorsicht! Nehmt Euch also in Acht vor dem „halt“, Kinder! Werft es weg, wenn Ihr könnt! Schützt Eure Zunge, Euren Geist. Es gibt Besseres – in dem Moment, wo Ihr die Modalpartikel begriffen und in den Wortmülleimer geworfen habt, habt Ihr schon mehr Klarheit erreicht.
Lehrer, Eltern! Das ubiquitäre „halt“ ist, wenn wir mal voll krass da rangehen, vor allem ein alarmierendes Symptom für ein vom Konsum unterhaltungselektronischer Industrieerzeugnisse kolonisiertes Bewusstsein, oder eher Nicht-Bewusstseins. Es tritt übrigens auch erst mit der Pubertät dermaßen massiv auf. Kleinere Kinder unternehmen weniger Distanzierungsmanöver dieser Art. Sie sagen meist noch direkt, was sie erlebt haben, wünschen, wollen, fragen, wissen, nicht wissen. Und wenn sie, wie Lotta aus der „Krachmacherstraße“, sich mit kindlichen, selbst gebastelten Formeln rechtfertigen, dann tun sie das, weil sie ein Glas oder einen Teller zerbrochen haben, und nicht beschuldigt werden wollen – was sie in ihrem Alter in der Regel komplett zu recht so sehen.
Klar. Wir können das „halt“ nicht einfach abschaffen. Jugendliche – und sogar manche Exemplare der Erwachsenen - brauchen es offenbar wie ein beruhigendes Bonbon im Mund, das als selbst generierte, kostenfreie grammatische Droge benebelnd auf das eigene Bewusstsein einwirkt – und auch auf das Gegenüber in der Kommunikation manipulativ einwirken soll.
Angenommen aber, Sie als Lehrerinnen und Lehrer hielten eine Haltet-das-„halt“-auf!-Stunde mit Ihrer Schulklasse ab – das wäre vielleicht was! Sie könnten mit den Schülern über deren fortgesetzte, süchtige Neigung zur Verwendung des „halt“ sprechen. Sie könnten, im Spaß wie im Ernst, der Klasse die Aufgabe stellen, mündliches Erzählen eine Stunde lang ohne „halt“ zu versuchen, und damit mehr Bewusstsein, Sprachbewusstsein zu erzeugen. Vielleicht wäre das möglich, sinnvoll? Vielleicht wäre das mäeutisch, lustig, Ich-stärkend, gut?
Nein, nein, bitte sagen Sie jetzt nicht: „Machen Sie das doch selber, wenn Sie schon so gescheit daherreden!“ Ich hab so was halt nicht gelernt. Ich kann das halt nicht.
Tun Sie es doch mal! Den Kindern und uns allen zuliebe. Und einmal mehr, an dieser Stelle: Hut ab vor Ihrer Schwerstarbeit. Kaum einer von uns, die wir keine Lehrer sind, kann das hoch genug einschätzen.
Und das hier? Na ja, das hier war halt, nur so ne Idee. Keine Ahnung.
Fetscher um 00:18 | Watch Watch
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02.07.08
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Wie ein gutes andres Land
Yes. Vorbei ist die Europameisterschaft, das Fahnenschwenken ist eingedämmt und das Deutschland-Rufen abgeschwollen. Angenehme Stille nach dem zweiten Platz. Daher auch ein gut geeigneter Moment, an Brechts anderes Deutschlandlied zu erinnern. Unten steht es. Nationen sind Konstruktionen, soviel ist sicher. Wenn sie schon (noch) sein müssen, dann unter solchen Vorzeichen. Eislers Melodie dazu ist sehr schön, wer sie finden kann, sollte sie sich anhören.
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Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand
Daß ein gutes Deutschland blühe
Wie ein andres gutes Land.
Daß die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie andern Völkern hin.
Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern wolln wir sein
Von der See bis zu den Alpen
Von der Oder bis zum Rhein.
Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir's
Und das liebste mag's uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.
(Bertolt Brecht, 1949, Kinderhymne)
Fetscher um 21:01 | Wahn, Wehmut, Wirklichkeit
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19.06.08
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FUSSBALLERGIE
Tor! Jubel bricht aus. In allen Cafés und auf der Straße beginnt enthemmtes Rufen und Grölen, Trinken, Tröten, Fahnenschwenken. Hörst du das, sagt die Freundin schockiert in die Nacht, hör mal! Begeisterte Schreie, als sei die Welt gerettet! Soviel Emotion! Denn am Rand des Geschehens sitzen drei Frauen beisammen und staunen in Erschrecken. Sie diagnostizieren beieinander „Fußballergie“, Furcht vor den massenhaften Eruptionen des Irrationalen am, wie wir finden, verkehrten Ort. Nicht einmal, wenn ihr eigenes Kind geboren wird, zeigen Männer soviel Emotion! Die andere Freundin schüttelt den Kopf. Dann unser Versuch, das Beste daraus zu machen, einen Trost: Wenigstens beweist das, wie viel Emotionen in ihnen stecken. Aber warum bringen solche Spiele das zum Vorschein wie kein anderes Ereignis der Erde?
Wie stark ist Herr Podolski verletzt? Wie lange darf Herr Löw nur auf der Tribüne sitzen? Warum ist der Ball an allen möglichen Orten, aber so selten im Tor? Fragen über Fragen, die Millionen, vor allem männliche Millionen von Menschen bewegen, als ginge es um die pure Existenz, um Leben und Tod. Es sind die Wochen, in denen der Wadenwahn regiert, in denen wir die Welt nicht mehr verstehen. Für jede Erklärung dankbar, lauschen wir den Fans unter unsern Freunden, den hoch gebildeten wie den schlichteren Seelen. Wir hören, was Sportpsychologen und Fußballsoziologen im Radio sagen, auch wenn sie fast alle selber angesteckt wirken. Sie denken aber nach, sie liefern Hilfsmittel zum Verstehen. Es geht, sagt einer, „um das leere Drama mit offenem Ausgang“. Anders als bei Shakespeare oder Molière wird hier ohne Rollen inszeniert, ohne Vergangenheit und Zukunft, es gibt keine rächenden Väter, Mütter, Söhne, keine Generationen alten Flüche und Verwünschungen, keine klar besetzen Konflikte mit Katharsis, sondern jeder Beteiligte, sagt ein Experte, kann alles auf das Geschehen projizieren, elementarste Erlebnisse von Sieg und Niederlage, Glück und Pech, Geschick und Gelegenheit. Aha, nicken die drei Zuschauerinnen der Zuschauer, da wäre mal ein Ansatz. Von dort gelangen wir auf diese Deutung: Zwei Brüderhorden ringen unter Ausschluss von Frauen um das Penetrieren eines Objektes (Tor). Inszeniert wird ein Begehren, das bei Erfüllung einzig und allein Abfuhr gestattet, ohne Beziehungsprobleme, ohne dass individuelle Bedürfnisse eines Objektes befriedigt werden müssen – eine inszenierte, regressive Utopie. Das Tor, die Öffnung als Öffnung, versinnbildlicht eine vollendet autopoeietische Trope, es ist Teil eines selbstreferentiellen Systems, und ... „Spielt Deutschland eigentlich in Weiß oder in Rot?“ fragt eine Freundin die andre. Im Café fangen wir an zu stören. Unwillig dreht man sich nach uns um. Wir gehören nicht dazu, wir fürchten, man spürt unsere Fußballergie. Plötzlich fängt eine von uns, eine Berliner Lyrikerin aus Polen, unvermutet an, auf ein Tor zu hoffen. Ein Tor! sagt sie, möglichst eins von Podolski möchte sie erleben. Als dann eines fällt, hat sie gerade nicht hingesehen. Komisch aber - in der Zeitlupe verfolgen wir alle drei es fasziniert. Was für ein schöner Schuss, elegant! Wir haben vor den Waden kapituliert. Für einen Moment.
Fetscher um 21:43 | Watch Watch
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12.06.08
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Ende der Mädchenbeschneidung in Ägypten
Richtig gute Nachrichten kommen aus Kairo.
Nach einer Epoche der Generationen von gequälten Mädchen und Frauen erwirkt die Regierung jetzt das Ende einer barbarischen, abergläubischen Praxis. cf
Egyptian MPs pass ban on genital mutilation
By Agence France Presse (AFP)
Monday, June 09, 2008
CAIRO: Egypt's Parliament on Saturday outlawed female genital mutilation (FGM) except in cases of "medical necessity," a condition which could undermine the ban, parliamentary sources said. FGM, which dates back to pharaonic times in Egypt, will now be punishable by a jail term of between three months and two years or a fine of 1,000-5,000 Egyptian pounds ($190-$940), they said. The new legislation is part of a bill on children's rights which has been the subject of fierce debate for several weeks. Those who supported the practice argued it was appropriate when female genitals "protruded too much," adding that it was needed to preserve the woman's virtue. The Health Ministry tried in 1997 to ban the tradition, which affects both Muslim and Christian women in Egypt, and introduced curbs which allowed only doctors to carry out the operation and solely in "exceptional circumstances." The restrictions were further strengthened in June 2007 when Health Minister Hatem al-Gabali issued a decree - rather than law - banning all doctors and members of the medical profession from performing the procedure. The new law, which takes immediate effect, toughens penalties for anyone who is convicted of flouting the ban. Female circumcision can cause death through hemorrhaging and later complications during childbirth. It also carries risks of infection, urinary tract problems and mental trauma. - AFP
Fetscher um 14:28 | Human Rights Arab World
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29.04.08
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Inzest und Machtmissbrauch
Inzest – das universellste aller Tabus
Warum der Fall des Doppellebens und der eingesperrten Zweitfamilie in Österreich das emotionale Fassungsvermögen übersteigt.
Die Kinder der Elisabeth F., wurden im Lauf von zwei Jahrzehnten vom Vater der Mutter gezeugt. Seine unterirdische Familie hielt der Österreicher in einem Kellerverlies fest, das er eigens eingerichtet hatte. Jenseits von Recht und Sonnenlicht hausten sie dort unter Verhältnissen, in denen die Würde des Menschen nicht existierte. Ein Dauerklima von Ausgeliefert- und Eingesperrtsein, Sadismus, Zwang und sexueller Gewalt stellte die „Normalität“ dieser Familie dar, angesichts derer ein Begriff wie „traumatisch“ nahezu hilflos wirkt. Parallel zur schier unmöglich scheinenden Bewältigung einer solchen Kellerkindheit in den Händen eines Kriminellen, werden die Kinder zusätzlich ihr Leben lang mit den Tatsachen und Ursachen ihres Entstehens aus einem monströsen Tabubruch zu tun haben. Inzest, erst recht erzwungener Inzest, sprengt den Rahmen des Gesetzes, der symbolischen Ordnung. der Abfolge der Generationen, der Basis des Gesellschaftlichen und Sozialen.
Die Kinder der Elisabeth F. haben eine Mutter, die zugleich ihre Halbschwester ist. Ihr Vater ist zugleich auch ihr Großvater, ihre Geschwister sind zur selben Zeit ihre Onkel und Tanten. Noch für ihre eigenen Nachkommen wären die Verwandtschaftsverhältnisse zueinander kaum einzuordnen. Für die zutiefst verwirrenden Verwandtschaftsgrade solcher Inzestkinder kennt unsere Sprache keine Begriffe. Es dürfte solche Verwandtschaftsverhältnisse aus moralischen und rechtlichen Gründen eigentlich gar nicht geben. Gewaltsamer Inzest, als dessen Folge Kinder geboren werden, stellt die Welt auf den Kopf, wie kaum ein anderes Vergehen.
Elisabeth F. lebte mit dreien ihrer Kinder in einem Untergrund, einem emotionalen Abgrund den ihr eigener Vater geschaffen hatte, ein ausbruchsicheres Privatgefängnis für die in sexueller Sklaverei gehaltene Tochter und drei der nach Inzest mit dem Täter geborenen Kinder, der neunzehnjährige Kerstin, dem achtzehnjährigen Stefan und dem fünf Jahre alten Felix. Drei weitere Kinder hatte der Täter ans Tageslicht geholt und in Pflege genommen, ein nach der Geburt gestorbenes Kind im Ofen verbrannt. Der Mann habe den Säugling im Heizofen „entsorgt“ führte ein Kriminalbeamter auf der ersten Pressekonferenz aus, und gab mit seiner technischen Wortwahl der Gefühlsabwehr Ausdruck, die dieses ungeheuerliche Szenario in einer europäischen Provinzregion bei vielen auslöst.
Denn das Inzestverbot ist eine universelle, gesellschaftliche Institution. Sie existiert überall auf der Welt. Keine Gruppe, kein Stamm, kein Staat und Gesetzbuch, die dieses Verbot nicht achten, wie Sigmund Freud 1913 in „Totem und Tabu“ erkannte. Anhand ethnologischer Feldforschungsberichte machte er „Inzestscheu“ und „Inzestempfindlichkeit“ auf allen Kontinenten ausfindig, bei den Aborigines in Australien, auf den Fiji-Inseln wie „bei den Zulukaffern“ in Afrika. Dabei erkannte er im Inzestverbot eine „Verhütungsabsicht“, die der ödipalen „Phantasieversuchung“ einen Riegel vorschieben soll, welche ebenso universell anzutreffen ist. In seltenen Fällen erlangte Inzest einen minimalen Grad an Akzeptanz. Dynastische Taktiker verehelichten nahe Verwandte, um Herrschaftsbereiche, Grundbesitz und Vermögen zu verkoppeln. In abgelegenen Bergregionen, wie in manchen Schwarzwalddörfern, die ganze Winter über von der Außenwelt abgeschnitten waren, brachten Witterung und Lage einen sexuellen Notstand hervor, der das Triebleben auf Abwege – und in die eigenen Familie – lenken konnte. Gutgeheißen, offiziell sanktioniert wurden solche Tabubrüche nie, allenfalls kollektiv beschwiegen und übergangen.
Der „Beischlaf unter leiblichen Verwandten“ ist auch nach österreichischem und deutschem Recht ein Straftatbestand, geschieht aber dennoch. Dunkelziffern sind hoch. Der Düsseldorfer Psychiater und Analytiker Mathias Hirsch schreibt in seiner Studie „Realer Inzest. Psychodynamik des sexuellen Missbrauchs in der Familie“ (1993) von einer „paranoiden Familienfestung“ in Inzest- und Missbrauchsfamilien. Im Innern dieser Festung geschieht, was paradoxerweise zugleich verboten ist und erzwungen wird: Sexuelles Handeln zwischen engsten Verwandten, in der Regel zwischen einem missbrauchendem Elternteil als Täter und dem Kind als dessen Opfer. Zur typischen Abwehrhaltung des Täters oder der Täterin, die von ihrer emotionalen Ausbeutung des Kindes nichts wissen wollen, gehören Erklärungen, die das Opfer belasten. „Sie hat es selber so gewollt“, „sie/er hat mich gereizt“, „das Kind hat mich verführt.“ In dem preisgekrönten Film des Dänen Thomas Vinterberg „Das Fest“, klagt ein Sohn auf einer Familienfeier den Vater vor aller Ohren an, ihn und seine Schwester Linda, die sich das Leben nahm, als Kinder sexuell missbraucht zu haben. Da platzt aus dem Vater der Satz heraus, der seine Sicht entlarvt: „Mehr wart ihr nicht wert!“ Wer als Opfer oder als Angehöriger von Opfern einen Inzest preisgibt, oder auch nur den Verdacht äußert, er existiere, der erntet den Vorwurf, dass er„die Familie zerstört“ – dabei wurde sie längst zerstört, und erst die Offenlegung macht Heilung am Horizont möglich. Doch Inzest ist ein Tabu – und das Tabu zu brechen ist ebenfalls tabu – und gelingt selten, weshalb die Dunkelziffer so hoch geschätzt wird.
24 Jahre lang hat in Amstetten die massive, paranoide Familienfestung gehalten. Und dieser spezifische Inzest-Kerker in Niederösterreich bewegt, erregt die Öffentlichkeit akuter, als Tausender der Verliese und Haftanstalten in Aberdutzenden von Ländern der Erde. Auch wenn dort Folter und Übergriffe von Gefangenen zum Alltag gehören, wenn Steinigungen von Ehebrecherinnen, das öffentliche Erhängen von Homosexuellen, physische und psychische Gewalt als Strategien etabliert sind, mit denen Machthaber Kontrollerhalt verfolgen. Von horrenden Vorgängen in undemokratischen Ländern rund um die Erde zeugen Hunderttausende Dokumente, wie sie Amnesty International oder Human Rights Watch zusammenstellen. Trotzdem berühren diese Berichte Medien und Publikum weniger, als die Existenz einer Mikrodiktatur, die ein niederösterreichischer Rentner in seinen beiden terrorisierten Familien über und unter der Erde allein errichtet hat. Weil in ihr ein Tabu gebrochen wurde, das, so wusste nicht nur Freud, die Welt zusammenhalten muss. An der Faszination und Schaulust, am seichten Empörungsgenuss wie an der wahren Abscheu, die Nachrichten wie jene aus Amstetten auslösen, könnte eine Gesellschaft, wenn sie wollte, ihren eigenen Abgrund ausmessen.
Fetscher um 12:16 | Human Rights Global
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12.03.08
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Croat War Criminals tried at The Hague´s UN Tribunal
One of the most important features of justice - and above all International Justice - is its non-partisan stance. Regarding the International Criminal Tribunal for the Former Yugoslavia (ICTY) installed by the UN Security Council, this is of paramount significance as ethnically biased (self)constructions, ethnic strife and rivalry between Ex-Yugoslav groups continue up until to date. In an interview with former chief prosecutor Carla del Ponte she said to me once: "We must be doing something right since each party believes we are specifically hard towards them - Serbs, Albanians, Bosniaks, Croats..." The current trial opened at ICTY will shed more light on horrific crimes committed by Croats against Serbs during the Yugoslav wars. Although the majority of atrocities during these conflicts were committed by Serb military and paramilitary forces no Serb civilian who suffered from brutality and injustice should be forgotten. The only hope of democrats can be that sobriety and desillusionment take a sound and healthy toll on extreme nationalism not only in Serbia but also in Croatia - and indeed anywhere in Ex-Yugoslavia. Below find the report of Brussels based Marlise Simons from the New York Times, a seasoned reporter who has been following ICTY proceedings for many years.
New York Times / March 12, 2008
War Crimes Trial Begins for Croatian General Who Worked With Americans
By Marlise Simons
PARIS — A popular Croatian general who led a brutal operation that drove the Serbs out of Eastern Croatia near the end of the Balkans war went on trial in The Hague on Tuesday for war crimes and crimes against humanity.
Gen. Ante Gotovina, working closely with American advisers, was the commander of a military campaign in the summer of 1995 that put an end to the Serbian occupation of Eastern Croatia and forced more than 150,000 Serbs to flee towns and villages where they had lived for generations.
The four-day operation, in the Krajina region, was a turning point in the war, celebrated by Croatia as the heroic recapturing of its homeland and mourned by Serbia as the single largest event of “ethnic cleansing” of the 1991-1995 wars that broke up Yugoslavia.
Prosecutors at the war crimes tribunal, while not disputing Croatia’s right to retake its land, have accused General Gotovina and his two co-defendants, Gens. Ivan Cermak and Mladen Markac, of crimes including knowingly shelling civilian targets, allowing their forces to go on violent rampages during and after the campaign, terrorizing civilians, and looting and burning Serbian homes.
In his opening statement on Tuesday, the prosecutor, Alan Tieger, said more than 350 civilians were killed in August and September 1995, most of them not in the heat of the battle, but executed in revenge actions.
Lawyers familiar with the trial say it may also shed more light on the little-known covert American role during that decisive Croatian counteroffensive against Serbia.
United States military advisers, among them retired and active personnel, helped plan the operation, and Americans directed drone aircraft over the battle zone to gain real-time intelligence for Croatian forces, Croatian officials have said.
The United States is not implicated in any of the criminal charges related to the operation, but some of its intelligence methods and sources may be disclosed, lawyers at the court said. In the summer of 1995, the United States and other Western nations were seeking to roll back Serbia’s considerable military gains in Bosnia and Croatia in order to create a viable peace plan.
Washington has taken a keen interest in the trial, and American diplomats have visited the United Nations war crimes tribunal in The Hague to discuss the case, a former senior prosecutor said.
The importance of the trial to Croatia, where the three generals are considered heroes, is evident from the battery of defense lawyers. The defense team includes four lawyers with direct experience with the tribunal, which is unprecedented. One is Greg Kehoe, a former tribunal prosecutor who leads General Gotovina’s defense.
Mr. Kehoe also worked for the United States as the top American lawyer at the Iraqi Special Tribunal in Baghdad, where he ran the large office that built criminal cases against Saddam Hussein and his top officials.
In court, the three defendants, who have pleaded not guilty, sat side by side, flanked by United Nations security guards. As he arrived, General Gotovina smiled and waved at the public gallery, then he and others listened to translations of the proceedings. The trial could also be watched via video transmission from the court. Croatian television broadcast the events live.
For the Croatian audience there may have been unwelcome disclosures in the prosecutors’ lengthy accounts of atrocities. Croatia’s nationalist news media have widely reported on actions by Serbs, often suppressing news from trials that cast Croatians in a bad light.
Mr. Tieger, the prosecutor, detailed brutalities that he said were inflicted by the Croatian military and the police on Serbian villagers. He said they burned hundreds of homes, killed elderly people who could not leave, killed livestock and poisoned wells to make sure no Serb refugees returned. The operation left “a scarred wasteland of destroyed homes and villages,” he said.
The prosecutor also cited comments from General Gotovina who, in the days after the operation, referred to his troops as “spoiled children” and “barbarians.”
Lawyers at the court have said the three generals were the only men to be held accountable for the atrocities because the main political decision-makers, President Franjo Tudjman and his inner circle, are dead.
After Mr. Tudjman’s death, Carla Del Ponte, the chief war crimes prosecutor at the time, said her office had been close to issuing an indictment in which Mr. Tudjman would be charged with heading a “joint criminal enterprise” that included expelling Serbs. On Tuesday, the prosecution quoted from Mr. Tudjman’s speeches in which he called Krajina Serbs “a cancer on the underbelly of Croatia.”
The prosecution said it intended to call more than 130 witnesses. The trial is expected to last more than a year.
http://www.nytimes.com/2008/03/12/world/europe/12hague.html?_r=1&ref=europe&oref=slogin
Fetscher um 14:08 | South East Europe
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16.02.08
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Kinderhilfe? Keinen Cent für Eltern!
Jeden Cent in Gutscheine
Warum staatliche Milliardengeschenke an Eltern Vergeudung sind
Familien sollen zehn Euro mehr pro Kind erhalten? Freilich. Dann kaufen auch arme Eltern all die Bastelsachen, Bauklötze, Bilderbücher zum Vorlesen, Malhefte, Buntstifte, Legosteine, Blockflöten und Brettspiele, um den geliebten Kleinen frohe Abendstunden zu bescheren. Von solchen Fantasien können nur Politiker erfasst werden, die niemals einen Hartz-IV-Haushalt von innen in Augenschein genommen haben. Dort könnten sie erfahren, dass kaum eine Bevölkerungsgruppe unterhaltungselektronisch besser aufgerüstet ist, als die so genannte bildungsferne Schicht, ob mit oder ohne Hartz-IV. Familien sollen zehn Euro mehr pro Kind erhalten? Media Markt wird sich freuen, Da wird die Ausschüttung landen. Wer ein Problem mit einem neuen Mobiltelefon oder DVD-Recorder hat, fragt am besten jemanden aus der oben genannten Gruppe, in der es übrigens auch an Alkohol und Zigaretten selten fehlt.
Familien sollen zehn Euro mehr pro Kind erhalten? Das summiert sich zu Milliarden an Steuergeldern, die kaum je beim Kind ankommen, ganz besonders nicht bei dem Kind, das die Zuwendung am meisten bräuchte. Politiker müssten übrigens nicht mal direkt in einen solchen Haushalt hineinstapfen. Mancher aus dem Milieu präsentiert sich ungeniert vor der Kamera, wie vor wenigen Wochen die Eltern des kleinen Max in der Sendung „Fakt“. Unglücklich stand der kleine Max vor der Tür seiner Kindertagesstätte. Er wollte mit den anderen Kindern spielen. „Mäuschen, du kannst da nicht rein“ sagte die Mutter Gabriele Friedrich, die wie ihr Mann von ALG-II lebt. 25 Euro Essensgeld für die Kita können sie sich nicht mehr leisten, gaben sie dem Mitteldeutschen Rundfunk zu Protokoll. Jeder habe einen Flachbildschirm, erklärte die Max-Mutter ihre Misere. „Und da habe ich gesagt: Ich möchte eigentlich auch so ein Ding.“ 38 Euro Raten im Monat - schon war die Kita für das Kind nicht mehr im Budget. Anstatt aber das Jugendamt zu alarmieren spendeten die Zuschauer von „Fakt“ den Eltern Geld! Soweit ist die Akzeptanz solchen Verhaltens verbreitet. Erfreut berichtete das Magazin wenig später, dass der Knabe deshalb wieder beherzt in seine Kita stapfen kann. Dort verbringt er jetzt den Tag, während seine Eltern vor dem Hartz-finanzierten Flachbildschirm hocken. Keinen Cent hätte ich den Eltern des kleinen Max gespendet. Da hilft einzig und allein jedwede auch auf Ebay nicht vertickbare, direkte Sachleistung: Gratisessen in Schulen und Kindergärten, Gutscheine für Kinderbücher, Spielsachen, Zoobesuche, Schwimmbäder -
Barack Obama, demokratischer Präsidentschaftskandidat in Amerika, rief unlängst Tausenden seiner Anhänger im nicht sehr wohlhabenden US-Bundesstaat Wisconsin zu, Bildung sei das Beste, was man Kindern geben könne. Eltern müssten Fernsehen und Videospiele ausschalten, wenn das gelingen solle, empfahl er mit Emphase und wurde bejubelt. Den Eltern des kleinen Max hätte es gewiss gegraust. Aber sie können ja auf das Verständnis bundesdeutscher Politiker, Steuerzahler und Privatspender zählen.
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Fetscher um 17:14 | Watch Watch
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07.02.08
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Kenia: Woher die Gewalt?
In der heutigen Neuen Zürcher Zeitung fragt sich der Autor Meja Mwangi, woher die Gewalt in Kenia kommt.
"Was braucht es, um aus einem anständigen Menschen ein Monster zu machen?" fragt er, und zählt die Gemeinplatz-Vermutungen auf: "Zornige Empörung, gezielte Manipulation, die Hoffnung auf Belohnung oder ein Gefühl der Unbesiegbarkeit? War, was in Kenya geschah, ein `gewöhnlicher` Gewaltausbruch nach den Wahlen, eine `gewöhnliche` ethnische Säuberung, ein `gewöhnlicher` Auftakt zum Genozid?"
Mwangi glaubt, "Beobachter und Kommentatoren waren zu sehr damit beschäftigt, nach Ursachen, Schuldigen und Lösungen zu suchen, und viele schienen dabei zu übersehen, in welch alarmierendem Mass die Gewaltausbrüche organisiert und zielgerichtet waren."
Er stellt die richtige Frage. Allerdings denkt er sie nur zur Hälfte weiter. Denn auch solche Organisation von Gewalt hat ja ihrerseits wiederum einen Hintergrund, eine Herkunft.
In ihrem Bericht "Kenya, spare the Child" hatte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW)schon vor Jahren auf die alarmierende Akzeptanz von Gewalt in der kenianischen Gesellschaft aufmerksam gemacht. HRW hatte auf Gewalt gegen Kinder und Jugendliche etwa in den Schulen hingewiesen (September 1999, Vol. 11, No. 6 A, Human Rights Watch Report.
URL: http://www.hrw.org/reports/1999/kenya/index.htm
Zentrales Zitat aus dem Bericht:
"One primary school headteacher told Human Rights Watch firmly that violence is "what the African child understands, and women too. They have to be beaten."
Es heißt dort: "In some cases, corporal punishment may even rise to the level of torture. School corporal punishment involves violence inflicted by public officials or persons performing a public function against people under their control, and the violence is deliberately calculated to cause physical pain and humiliation. Since children are physically and psychologically undeveloped, relative to adults, they are especially vulnerable to the negative effects of corporal punishment."
Die Schlussfolgerung von Human Rights Watch - ein Schluss, der für jegliche Gewalt dieser Art ,überall und in allen Gesellschaften gilt, ist, dass Gewalterfahrung in der Kindheit primär dazu beiträgt, aggressionsbereite Erwachsene hervorzubringen.
"Corporal punishment has far-reaching consequences for both children and adults. Research has identified this as a significant factor in the development of violent attitudes and actions, in childhood and later life. And for adults, it sends the message that violence is an effective and legitimate means of controlling and correcting children's behavior. Just as challenging routine domestic violence against women has been a vital part of the advancement of women's rights, challenging physical assaults on children disguised as corrective discipline is vital to improving children's status."
Nicht weniger eindeutig äußert sich auch der Bericht von "Save the Children Sweden", der 2005 veröffentlicht wurde: "Ending physical and humiliating punishment of Children: Kenya".
URL: http://www.rb.se/NR/rdonlyres/C6ABB1D4-F770-4209-B8A8-8C7A28387721/0/PHP_Kenya.pdf
Wenn Konfliktvermittler beginnen, solche Berichte auf die Weise ernst zu nehmen, wie es reife und aufgeklärte Erwachsene könnten, würden schnellere Konsequenzen gezogen. Politisch, diplomatisch und juristisch.
Fetscher um 20:51 | Human Rights Global
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06.02.08
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Senat will Elterngewalt eindämmen
Nach dem Debakel der Hessen-Wahl kommen Politiker zaghaft aus ihren Löchern heraus, und äußern sich nun dazu, dass das Thema Jugendgewalt vor allein eine Frage der Elterngewalt (als primäre Ursache) ist. Siehe den Beitrag des Kollegen Zawatka-Gerlach weiter unten.
Manche Leser weisen in Kommentaren auf der Tagesspiegel-Website, in Briefen oder Mails darauf hin, dass auch deutsche Kinder früher mit Gewalt erzogen wurden, „aber wir sind nicht kriminell geworden.“ Dieser Kurzschluss gehört zu den groteskesten. „Wir“ haben vielleicht insgesamt weniger Ladendiebstähle oder Raubüberfälle auf Rentner begangen (was zu bezweifeln ist). Es gab da aber auf alle Fälle etwas anderes:
Man kann sich daran erinnern, dass „wir“, in einer Gesellschaft der mit „preußischer Zucht“ und nationalsozialistischer Brutalität Erzogenen, ausreichend Aggression dafür besaßen, zwei Weltkriege anzuzetteln, Todesfabriken zu bauen und daher mehr als fünfzig Millionen Menschenleben in Europa auf dem Gewissen haben. Gewalt in der Erziehung und eine Ideologie der Menschenverachtung haben daran massiv mitgewirkt.
URL: http://www.tagesspiegel.de/berlin/Jugendgewalt;art270,2470899
Jugendgewalt
Berliner Senat will den Eltern helfen
Nach Einschätzung des Berliner Senats ist Kinder- und Jugendkriminalität kein ethnisches Problem. Entscheidend seien vielmehr soziale und familiäre Umstände. Bis Ende Juli soll ein neues Präventionskonzept vorgelegt werden.
Von Ulrich Zawatka-Gerlach
6.2.2008
Im Streit um die Frage, wie sich Jugendgewalt besser eindämmen lässt, setzt sich allmählich auch in der Politik die Erkenntnis durch, dass Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder – trotz Kita, Schule und öffentlicher Fürsorge – eine unersetzbare Rolle spielen. Der Senat will deshalb bei der staatlich geförderten Gewaltprävention neue Akzente setzen. Mit dem Ziel, vor allem die Eltern in den sozialen Unterschichten stärker einzubeziehen.
„Wir müssen zu einer Art Eltern-Coaching kommen“, sagte Innensenator Ehrhart Körting (SPD) gestern. Gemeinsam mit Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) soll er bis Ende Juli 2008 ein neues Konzept „für die Bekämpfung der Kinder- und Jugenddelinquenz“ vorlegen, beschloss der Senat. Und zwar auf Grundlage eines Berichts der Landeskommission gegen Gewalt, die zum Ergebnis kam, dass „junge männliche Personen mit Migrationshindergrund überproportional häufig im Zusammenhang mit Gewaltdelikten registriert werden“ und auch den größten Teil der registrierten Intensivtäter stellen.
Nach Einschätzung des Senats ist Kinder- und Jugendkriminalität aber kein ethnisches Problem. Die Ursachen seien vielmehr in sozialen, familiären und geschlechtsspezifischen Faktoren zu suchen. „Kriminalität ist männlich“, sagte Körting. Und elterliche Erziehung, die Gewaltbereitschaft fördere, sei ein Schichtenproblem, unterstützt durch kulturelle Faktoren. „Die Erziehungsmentalität in Migrantenfamilien ist oft noch so wie früher bei uns in Deutschland, als die Kinder von Eltern oder Lehrern noch mit dem Rohrstock gehauen wurden.“
Deshalb müsse staatliche Gewaltprävention die Eltern nicht erst einbeziehen, wenn die Kinder zur Schule gingen, sondern schon in der Kita. Nicht nur mit Elternversammlungen, sondern auch mit Förder- und Fortbildungsmaßnahmen, auch unter Einbeziehung von Dolmetschern, um Sprachbarrieren zu beseitigen. Dabei geht Körting davon aus, „dass Eltern, die solche Hilfen nicht annehmen wollen, die Ausnahme sind“. Wenn allerdings Eltern die Kriminalität ihrer Kinder „wohlwollend begleiten“, müsse der Staat notfalls das Sorgerecht entziehen. Körting betonte, dass nicht etwa nur Väter Unterstützung bei der Erziehung brauchen. „Häusliche Schläge gegen Kinder kommt auch von den Müttern; vor allen von Frauen, die in ihrer Jugend selbst körperlich gezüchtigt wurden.“
Mit seinen Vorstellungen zur Gewaltprävention bei Kindern und Jugendlichen will sich der Berliner Senat deutlich von den Konzepten konservativ regierter Bundesländer absetzen. „Das ist ein schwierigerer Weg als nur nach dem Strafrecht zu rufen“, sagte Senatssprecher Richard Meng. Und der Innensenator wies darauf hin, „dass wir uns in Berlin nicht erst seit dem hessischen Wahlkampf mit dem Thema befassen“. Mit dem Einsatz von Psychologen und Sozialarbeitern an den Schulen, dem Netzwerk Kinderschutz, der mobilen Jugendarbeit und dem Präventionskonzept der Polizei, aber auch mit der Intensivtäterabteilung bei der Staatsanwaltschaft und dem neuen Schwellentäterkonzept sei Berlin schon ein Stück vorangekommen.
Bericht der Landeskommission gegen Gewalt: www.berlin.de/lb/lkbgg/bfg/nummer28.html
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 06.02.2008)
Fetscher um 14:56 | Human Rights Global
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Die Autorin
Caroline Fetscher, geboren 1958, schloss 1979 die Gruner und Jahr Journalisten- schule in Hamburg ab, und studierte dann ab 1980 Literatur- wissenschaft und Psychologie an der Universität Hamburg, wo sie ihren Magister über koloniale Sprache und Afrikaklischees im Werk von Albert Schweitzer machte. Von 1981 bis 1989 arbeitete sie hauptamtlich bei Greenpeace, die meiste Zeit als Chefredakteurin des Greenpeace Magazins. Ihr Spezialgebiet waren Atomwaffentest und der Atomwaffensperrvertrag. Als Publizistin schrieb sie unter anderem für den Spiegel, GEO, die Süddeutsche Zeitung und die taz. Seit 1997 ist Fetscher beim Tagesspiegel. Zu ihren Schwerpunkten gehören die Region Südosteuropa, Menschenrechte, das Jugoslawien-Tribunal, transatlantische Beziehungen, Gender-Debatten, sowie soziale und kulturelle Themen. Buchveröffentlichungen: "Die Tropen als Text" (Europäische Verlagsanstalt, 1993), "Der Tropenkoffer"( dtv, 1994), "Srebrenica. Ein Prozess." (Suhrkamp, 2002)
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